Was kosten Azubis aus dem Ausland?
Vergütung, Visum, Anreise und Vermittlung mit Richtwerten – und warum Sie prüfen sollten, was Ihre Auszubildenden im Heimatland bezahlt haben.
Nachwuchsgewinnung
„Wir finden einfach keine Azubis mehr.“ Diesen Satz hören wir von Ausbildungsleitern in der Industrie fast jede Woche. Oft kommt noch ein zweiter hinterher: „Und die, die wir finden, bleiben nicht.“ Beides hat Gründe, die sich benennen lassen. Und für viele davon gibt es Lösungen, auch wenn keine davon über Nacht wirkt.
Das Wichtigste in Kürze
Wer über den Azubimangel spricht, meint meist: Es gibt zu wenige junge Leute. Das stimmt, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Bilanz des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für 2025 zeigt ein widersprüchliches Bild:
Offene Stellen und suchende Bewerber gibt es also gleichzeitig. Das BIBB spricht von „beruflichen und regionalen Passungsproblemen“. Übersetzt heißt das: Die Bewerber wohnen woanders, wollen etwas anderes lernen oder passen nicht zu dem, was der Betrieb erwartet. Genau diese Lücke trifft gewerblich-technische Industrieberufe in ländlichen Regionen besonders hart.
Versetzen Sie sich einmal in einen 18-Jährigen, der gerade die Schule abgeschlossen hat. Er hat zwei Möglichkeiten. Drei Jahre Ausbildung mit Berufsschule, Prüfungen und einer Vergütung, die am Monatsende nicht weit reicht. Oder direkt als Hilfskraft in der Produktion oder im Lager anfangen, ohne Prüfungen und vom ersten Monat an mit deutlich mehr Geld auf dem Konto.
Die Zahlen machen den Unterschied greifbar:
| Stand 2026 | Brutto pro Monat (ca.) |
|---|---|
| Hilfskraft zum Mindestlohn von 13,90 Euro, 39 Stunden pro Woche | rund 2.350 Euro |
| Auszubildender im 1. Jahr, gesetzliche Mindestausbildungsvergütung | 724 Euro |
Quellen: Bundesregierung zum Mindestlohn 2026, BIBB zur Mindestausbildungsvergütung 2026. Viele Industrietarife liegen deutlich über der Mindestvergütung, der Abstand zum Hilfsjob bleibt trotzdem groß. Minderjährige ohne Berufsabschluss sind übrigens vom Mindestlohn ausgenommen (§ 22 MiLoG). Die Rechnung kippt also genau dann, wenn die meisten Schulabgänger volljährig werden.
Kurzfristig ist die Entscheidung für den Hilfsjob nachvollziehbar. Langfristig ist sie meist ein Fehler: Mit 21 hat der eine drei Jahre gearbeitet, aber weiterhin ohne Abschluss. Der andere hat einen anerkannten Beruf, auf dem er die nächsten 40 Jahre aufbauen kann. Nur ist mit 18 das nächste Monatsgehalt eben viel konkreter als die Karriere mit 30.
Das Absurde daran: Viele Ausbildungsbetriebe konkurrieren bei der Nachwuchsgewinnung mit ihren eigenen Helferlöhnen. Wer darüber nicht spricht, sondern nur über TikTok-Kampagnen und bessere Stellenanzeigen, übersieht einen Kern des Problems.
Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Industriemechaniker: Diese Berufe kennt fast jeder. Milchtechnologe, Papiertechnologe, Packmitteltechnologe oder Industrieisolierer dagegen tauchen in keiner Berufsorientierung auf. Eltern können sich darunter nichts vorstellen, Lehrer auch nicht. Und wer einen Beruf nicht kennt, bewirbt sich nicht darauf, so gut die Perspektiven auch sind.
Hinzu kommt der Trend zum Studium. Immer mehr Schulabgänger machen Abitur und gehen danach an die Hochschule. Für die duale Ausbildung in der Produktion bleibt ein kleinerer Kreis, um den sich deutlich mehr Betriebe bemühen.
Viele Molkereien, Papierfabriken und Industrieanlagen stehen nicht in der Großstadt, sondern dort, wo Rohstoffe, Platz und Wasser sind. Für einen 16- oder 17-Jährigen ohne Führerschein ist ein Werk 25 Kilometer außerhalb mit Schichtbeginn um sechs Uhr schlicht nicht erreichbar. Und wer aus der Stadt zuziehen müsste, sucht zuerst eine Wohnung, die es im Ort oft nicht gibt.
Diese Faktoren lassen sich kaum durch Marketing lösen. Man kann sie nur praktisch angehen: mit Wohnraum, Fahrgemeinschaften, Zuschüssen zum Führerschein oder mit Zielgruppen, für die ein Umzug ohnehin zum Plan gehört.
Auf LinkedIn sieht man die schöne Seite der Ausbildung: fünf neue Azubis, Kennenlernwoche, Gruppenfoto. Daran ist nichts falsch. In vertraulichen Gesprächen klingt es aber oft anders:
Viele Betriebe haben ihre Anforderungen deshalb stillschweigend gesenkt. „Auf die Noten schauen wir eigentlich gar nicht mehr“, hören wir immer öfter. Bei Fehlzeiten werden Augen zugedrückt, Ausbilder verbringen deutlich mehr Zeit mit Gesprächen und privaten Problemen. Der Grund ist einfach: Wenn dieser Azubi geht, kommt vielleicht keiner nach.
Das heißt nicht, dass früher jeder Azubi hervorragend war und heute keiner mehr etwas taugt. Wir treffen ständig junge Menschen, die mit ihrer Motivation beeindrucken. Aber die Ausbildung selbst ist für viele Betriebe anspruchsvoller geworden. Auch die Statistik zeigt das: Laut BIBB werden fast 30 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst. Nicht jede Lösung ist ein endgültiger Abbruch, viele wechseln nur den Betrieb oder den Beruf. Für den Betrieb, der gerade ausgebildet hat, ist die Stelle trotzdem wieder leer.
Wer also über den Azubimangel spricht, sollte zwei Fragen stellen: Wie finden wir Bewerber? Und wie bringen wir die, die wir haben, sicher bis zum Abschluss?
Gute Bewerber haben mehrere Optionen. Wer zwei Wochen auf eine Eingangsbestätigung wartet, hat sich längst woanders entschieden. Eine schnelle, persönliche Rückmeldung und ein Kennenlerntermin innerhalb weniger Tage sind der billigste Hebel überhaupt.
Anschreiben, Lebenslauf, Zeugniskopien: Für viele Schulabgänger ist das eine echte Hürde. Ein kurzes Formular oder eine Bewerbung per Telefon oder Messenger bringt mehr Kontakte. Aussortieren können Sie im Gespräch immer noch.
Praktika, Ferienjobs, Schnuppertage und Besuche in der Schule wirken bei unbekannten Berufen besser als jede Anzeige. Wer einmal in einer Molkerei oder an einer Papiermaschine stand, versteht, was der Beruf ist. Laden Sie auch die Eltern ein. Sie entscheiden bei der Berufswahl oft mit.
Braucht es für den Beruf wirklich einen bestimmten Notendurchschnitt? Oft sind Zuverlässigkeit, handwerkliches Geschick und Durchhaltevermögen wichtiger. Ein Probearbeitstag sagt meist mehr als ein Zeugnis.
An der Vergütung allein lässt sich wenig drehen, an den Rahmenbedingungen schon: ein Zuschuss zum Führerschein, eine günstige Wohnung, ein Jobticket, eine feste Übernahmezusage bei gutem Abschluss. Wichtig ist, den Unterschied über fünf und zehn Jahre konkret vorzurechnen. Was verdient eine Fachkraft bei Ihnen nach der Ausbildung, was eine Hilfskraft?
Studienabbrecher, Umschüler, junge Geflüchtete mit Aufenthaltsperspektive, Quereinsteiger über 25: Viele Betriebe suchen nur im Abschlussjahrgang der Schulen im Umkreis. Dabei gibt es Zielgruppen, die bewusst einen Neuanfang suchen und entsprechend motiviert sind.
Viele Ausbildungen scheitern früh, oft schon in der Probezeit. Ein fester Ansprechpartner neben dem Ausbilder, regelmäßige kurze Gespräche und ein offenes Ohr für private Themen verhindern mehr Abbrüche als jede Vertragsstrafe. Die Agentur für Arbeit bietet mit der Assistierten Ausbildung zudem kostenlose Unterstützung, wenn es in der Berufsschule hakt.
Ein einzelner Auszubildender in einer Abteilung voller erfahrener Kollegen fühlt sich schnell allein. Zwei oder drei, die gemeinsam starten, stützen sich gegenseitig. Das gilt für deutsche Auszubildende genauso wie für internationale.
Auszubildende aus Drittstaaten sind kein Ersatz für gute Nachwuchsarbeit vor Ort. Sie sind eine Ergänzung für die Stellen, die trotz aller Bemühungen offen bleiben. Das trifft besonders auf Betriebe zu, die
Der Unterschied zum heimischen Bewerbermarkt ist die Ausgangslage: Junge Menschen, die über ein Jahr Deutsch lernen, Prüfungen ablegen und 11.000 Kilometer umziehen, haben sich sehr bewusst für eine Ausbildung entschieden. Der Hilfsjob ist für sie keine Alternative, weil die Ausbildung der Weg zu einem dauerhaften Aufenthalt ist.
Die Einreise ist dabei der einfache Teil. Danach kommen eine neue Sprache, neue Kollegen, Berufsschule auf Deutsch, die erste eigene Wohnung, Heimweh und deutsche Bürokratie. Eine Vermittlung, die am Flughafen endet, reicht deshalb nicht. Entscheidend ist, wie viele Auszubildende drei Jahre später ihren Abschluss in der Hand haben und fünf Jahre später noch als Fachkraft im Betrieb arbeiten.
Wie das rechtlich und praktisch abläuft, erklärt unser Leitfaden Auszubildende aus dem Ausland einstellen. Mit welchen Kosten Sie rechnen müssen, zeigt der Artikel Was kosten Azubis aus dem Ausland?.
Weil Stellen und Bewerber oft nicht zusammenpassen. Die Bewerber wohnen in anderen Regionen, wollen andere Berufe lernen oder erfüllen nicht die Erwartungen der Betriebe. Das BIBB spricht von beruflichen und regionalen Passungsproblemen. 2025 blieben 54.400 Stellen unbesetzt, während 84.400 junge Menschen noch suchten.
Besonders schwer haben es Berufe, die kaum jemand kennt, die körperlich fordernd sind oder im Schichtbetrieb arbeiten – etwa in der Lebensmittelproduktion, der Papierherstellung oder der Industrieisolierung. Dazu kommen Betriebe in ländlichen Regionen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht erreichbar sind.
Sie hilft, reicht aber selten allein. Den Abstand zu einem Hilfsjob zum Mindestlohn kann kaum ein Betrieb schließen. Wirksamer ist ein Paket aus fairer Vergütung, praktischer Unterstützung wie Wohnung oder Führerschein und einer klaren Perspektive nach dem Abschluss.
Mit einer sorgfältigen Auswahl, einem ehrlichen Bild vom Arbeitsalltag vor der Zusage und enger Begleitung in den ersten Monaten. Ein fester Ansprechpartner, regelmäßige Gespräche und frühe Unterstützung bei Problemen in der Berufsschule verhindern viele Abbrüche.
Wenn eine Stelle über mehrere Jahre trotz eigener Bemühungen unbesetzt bleibt und der Betrieb eine echte Übernahmeperspektive bietet. Weil der Vorlauf mit Sprachkurs und Visum mehrere Monate beträgt, sollten Betriebe früh planen – idealerweise ein Jahr vor dem gewünschten Ausbildungsbeginn.
Der Azubimangel in der Industrie hat mehrere Ursachen: attraktive Hilfsjobs, unbekannte Berufe, abgelegene Standorte und eine Ausbildung, die für Betriebe anspruchsvoller geworden ist. Keine einzelne Maßnahme löst das. Wer aber schneller reagiert, seinen Beruf erlebbar macht, Anforderungen ehrlich prüft und in die ersten Monate investiert, besetzt mehr Stellen – und behält die Auszubildenden auch.
Für Stellen, die trotzdem offen bleiben, können motivierte Auszubildende aus dem Ausland eine dauerhafte Lösung sein. Ob das für Ihren Betrieb passt, klären wir gern in einem kurzen Gespräch – auch dann, wenn die ehrliche Antwort lautet, dass ein anderer Weg besser ist.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Zahlen mit Stand September 2026; Quellen sind im Text verlinkt.
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